Mayday Tigerkatze
Da Sit in seiner Freizeit gerne bei Rallys mitfuhr und auch sonst ein großes Herz für PS-starke Autos hatte, musste ich schon sehr früh lernen, was es bedeutet, wirklich gut festzuhalten. Andere Tigerkatzen sitzen vielleicht brav in einem Regal, auf einem Sofa oder in einem Kinderzimmer und schauen sich die Welt aus sicherer Entfernung an. Ich aber landete vorn auf dem Armaturenbrett eines Autos, das nicht einfach nur fuhr, sondern manchmal eher so tat, als hätte es Flügel. Sit liebte Geschwindigkeit, Kurven, Motorengeräusche und dieses besondere Gefühl, wenn ein Auto auf der Straße lag wie eine Katze auf der Lauer. Und ich? Ich war mittendrin. Meine erste große Aufgabe bestand also darin, einen Crash-Kurs zu überstehen. Mit quietschenden Reifen ging es los, dann kamen schnelle Kurven, plötzliche Bremsungen und dieses kräftige Ruckeln, bei dem andere längst das Gleichgewicht verloren hätten. Doch ich blieb sitzen. Kein Wackeln, kein Fallen, kein panischer Blick. Ich hielt mich tapfer auf meinem Platz, als wäre ich genau dafür gemacht worden. Sit konnte fahren, keine Frage. Aber ich konnte bleiben.
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Rallye. Es war der 11.12.2000, ein Datum, das sich tief in mein kleines Tigerkatzenherz eingebrannt hat. Ich durfte vorn auf dem Armaturenbrett eines dunkelgrünen Mitsubishi Galant sitzen. Von dort aus hatte ich alles im Blick: die Straße, die vor uns lag, die Kurven, die auf uns warteten, Sit am Lenkrad und die Welt, die draußen an mir vorbeizog. Das Auto roch nach Abenteuer, nach Sit, nach Freiheit und etwas nach Benzin. Für mich war das alles neu, aufregend und wunderschön. Während andere vielleicht Angst bekommen hätten, fühlte ich mich auf meinem Platz erstaunlich sicher. Ich wusste, Sit passt auf. Und vielleicht passte ich auch ein wenig auf ihn auf. Ich wachte aufmerksam, schaute nach vorn und saß dort mit einer Würde, als wäre ich nicht einfach nur eine kleine Tigerkatze, sondern die offizielle Beifahrerin eines Rallyefahrers.
Mit der Zeit wurde das Autofahren für mich ganz normal. Ich gehörte einfach dazu. Wenn Sit losfuhr, war ich mit dabei. Besonders schön waren die morgendlichen Kaffeefahrten mit Blacky. Fast jeden Morgen fuhr Sit mit ihm raus, um an einem unbekannten Ort eine Tasse Kaffee zu trinken. Für die beiden war es wohl ein kleines Ritual, für mich war es jedes Mal ein neues Kapitel. Blacky war ein Arbeitskollege von Sit, und schon bald merkte ich, dass auch er mich nicht einfach nur als kleines Stofftier betrachtete. Eines Morgens fragte Blacky Sit, wie spät es sei. Sit wollte mich vorsichtig hochheben, um auf die Uhr zu sehen. Doch bevor er mich von meinem Platz nehmen konnte, sagte Blacky: „Ist schon gut, lass sie sitzen, wir haben uns seit Längerem angefreundet.“ Das war ein besonderer Moment. Ich durfte bleiben. Ich war nicht im Weg. Ich war Teil der Runde. Vielleicht hatte Blacky gemerkt, dass ich auf dem Armaturenbrett nicht einfach saß, sondern dort meinen Dienst tat. Ich beobachtete, ich begleitete, ich war da.
Sit und ich waren eben ein Team. Wir gehörten zusammen wie Messer und Gabel, wie Motor und Straße, wie Kaffee und der frühe Morgen. Es gab Dinge, die musste niemand erklären. Wenn Sit im Auto saß, war ich vorn mit dabei. Mein Platz war auf dem Armaturenbrett, und von dort aus konnte ich alles sehen. Die Straßenlaternen am Morgen, die noch müden Gesichter anderer Fahrer, den Nebel, der manchmal über der Straße hing, und die ersten Sonnenstrahlen, die sich vorsichtig durch den Himmel tasteten. Manchmal redete Sit mit mir, als wäre es vollkommen normal, mit einer Tigerkatze zu sprechen. Für mich war es das auch. Ich hörte ihm zu, auf meine Art. Ich antwortete nicht mit Worten, aber vielleicht mit meinem Blick. Und Sit verstand diesen Blick. Er verstand überhaupt ziemlich viel, was andere vielleicht übersehen hätten.
Nach meinem bestandenen Crash-Test musste Sit natürlich herausfinden, was ich noch alles konnte. Eine lange Autofahrt stand bevor, mindestens fünf Stunden, denn Sit fuhr zu seiner Laura. Fünf Stunden sind für Menschen vielleicht schon anstrengend, aber für eine Tigerkatze auf dem Armaturenbrett ist das eine kleine Weltreise. Die Autobahn zog sich endlos dahin, Autos überholten, Lichter blinkten, Schilder tauchten auf und verschwanden wieder. Zu einem anderen Zeitpunkt wurde selbst das aufregendste Geradeausfahren bis zu einem gewissen Grad langweilig. Sit benötigte Unterhaltung. Und so kam er auf die Idee, meine Mimik zu untersuchen. Er stellte fest, dass ich lieb schauen konnte. Das war keine Überraschung. Ich konnte sympathisch schauen. Aber dann meinte er, ich könne auch böse schauen. Böse! Ich, die kleine Tigerkatze, die doch eigentlich nur bei ihm sitzen und die Welt betrachten wollte.
Als Sit später bei Laura ankam, erzählte er ihr ganz stolz: „Schau mal, Tigerkatze kann auch böse schauen.“ Ich gab mir Mühe. Wirklich. Ich versuchte, streng zu schauen, wild, gefährlich, vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grad unheimlich. Aber es wollte mir einfach nicht gelingen. Innerlich musste ich lachen. Wie sollte ich böse schauen, wenn ich doch so glücklich war, bei ihm zu sein? Sit sah Dinge in mir, die andere vielleicht nie gesehen hätten. Für ihn war ich nicht nur ein Gegenstand. Ich hatte Charakter, Launen, Mut, einen festen Platz und offenbar sogar Gesichtsausdrücke. Das machte mich stolz. Vielleicht war genau das Liebe: wenn jemand in einem etwas Lebendiges erkennt, das für andere unsichtbar bleibt.
Ich habe in dieser Zeit viel gesehen. Kleine und große Straßen, graue Morgen und goldene Nachmittage, Tankstellen, Parkplätze, fremde Orte und vertraute Wege. Ich sah Sit konzentriert fahren, lachen, nachdenken, manchmal müde sein und manchmal voller Energie. Ich war bei alltäglichen Fahrten dabei und bei besonderen Momenten. Ich lernte, dass ein Auto nicht nur ein Auto sein kann, sondern ein kleines Zuhause auf Rädern. Ein Ort, an dem Gespräche entstehen, Gedanken schweifen und Freundschaften wachsen. Für mich war das Armaturenbrett kein einfacher Platz. Es war meine Bühne, mein Ausguck, mein sicherer Hafen.
Und wenn es einmal ruckelte, wenn Sit kräftig bremste oder die Kurve enger war als gedacht, hielt ich mich fest. Nicht aus Angst, sondern weil ich bleiben wollte. Ich wollte bei ihm bleiben, vorn im Blickfeld, dort, wo ich hingehörte. Sit war mein Herrchen, mein Fahrer, mein Mensch. Ja, er war schon etwas ganz Besonderes. Und ich, seine Tigerkatze, hoffte nur eines: dass ich noch viele Wege mit ihm fahren durfte, viele Morgen erleben, viele Kurven bestehen und immer wieder auf meinem Platz sitzen konnte – ganz vorn, ganz nah bei ihm, mit Blick auf die Welt.










